Rechtschreibung & Grammatik

Rechtschreibreform im Überblick: Änderungen 1996, 2006 und 2024

AdeptWrite-RedaktionsteamAktualisiert 8 Min. Lesezeit

Die Rechtschreibreform wurde 1996 beschlossen, ab 1998 in Schulen eingeführt, 2006 durch den Rat für deutsche Rechtschreibung überarbeitet und wird seitdem in einzelnen Punkten angepasst, zuletzt im Regelwerk von 2024. Die größten Änderungen betreffen ss und ß (dass statt daß), Dreifachkonsonanten (Schifffahrt), Getrennt- und Zusammenschreibung sowie einige Wortschreibungen.

Die kurze Antwort

Mit der Rechtschreibreform von 1996 wurde die deutsche Orthografie in einigen Bereichen vereinfacht: „ss“ nach kurzem Vokal statt „ß“ („dass“ statt „daß“), Dreifachkonsonanten bleiben erhalten („Schifffahrt“ statt „Schiffahrt“), mehr Getrenntschreibung („Rad fahren“) und einige angepasste Wortschreibungen („Känguru“, „Stängel“). Die Überarbeitung 2006 nahm besonders bei der Getrennt- und Zusammenschreibung und bei der Zeichensetzung einen Teil der Änderungen zurück oder ließ Varianten zu. Seitdem wird das Regelwerk vom Rat für deutsche Rechtschreibung gepflegt, zuletzt mit der Fassung 2024, die seit dem 1. Juli 2024 gilt.

Die Reform ist heute keine Neuigkeit mehr, aber sie prägt weiter den Alltag: Wer vor den 1990er-Jahren zur Schule ging, schreibt oft noch „daß“, „muß“ oder „Stengel“. Die folgende Übersicht zeigt, was sich wann geändert hat und was heute gilt.

Zeitstrahl: Von 1996 bis 2024

JahrEreignis
1996Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung (Juli); Regelwerk wird vorgestellt
1998Einführung der neuen Schreibung in den Schulen (Beginn des Schuljahres 1998/99)
2004Der Rat für deutsche Rechtschreibung wird gegründet und übernimmt die Pflege des Regelwerks
2006Überarbeitete Regeln werden beschlossen, besonders bei Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung und Zeichensetzung
2006 bis 2007Übergangszeit; ab 1. August 2007 gelten die überarbeiteten Regeln in den Schulen verbindlich
2011Fassung 2011 mit kleineren Korrekturen
2017Aufnahme des Großbuchstabens „ẞ“ in das Regelwerk
2024Neufassung des Amtlichen Regelwerks, gültig seit 1. Juli 2024

Die Zeitangaben stammen aus den Veröffentlichungen des Rats für deutsche Rechtschreibung. Prüfen Sie für verbindliche Angaben immer die aktuelle Fassung des Regelwerks auf der Seite des Rats für deutsche Rechtschreibung.

Wer entscheidet, was gilt?

Die deutsche Rechtschreibung wird nicht von einem einzelnen Wörterbuch bestimmt. Maßgeblich ist das Amtliche Regelwerk. Es wird vom Rat für deutsche Rechtschreibung betreut, in dem Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und weitere deutschsprachige Gebiete vertreten sind. Für Schulen und Behörden ist das Regelwerk verbindlich. Wörterbücher wie der Duden setzen die Regeln im Wortschatz um und geben Empfehlungen, wenn das Regelwerk mehrere Varianten zulässt. In Österreich ergänzt das Österreichische Wörterbuch, in der Schweiz ist die Schreibung ohne „ß“ üblich.

Für private Texte, Bücher und Zeitungen ist die Rechtschreibung rechtlich nicht vorgeschrieben, aber in der Praxis richten sich Verlage, Redaktionen und Unternehmen nach dem Regelwerk und nach ihren Hausregeln.

Änderung 1: ss und ß

Die wohl sichtbarste Neuerung betrifft die Schreibung der s-Laute.

Regel seit 1996: Nach einem kurzen Vokal steht „ss“, nach einem langen Vokal oder Diphthong steht „ß“.

Vor 1996HeuteGrund
daßdasskurzer Vokal
mußmusskurzer Vokal
FlußFlusskurzer Vokal
KußKusskurzer Vokal
StraßeStraßelanger Vokal, bleibt
heißheißDiphthong, bleibt
großgroßlanger Vokal, bleibt

Die Regel ist leicht zu prüfen: Sprechen Sie das Wort laut aus. Ist der Vokal vor dem s-Laut kurz, schreiben Sie „ss“. Ist er lang oder ein Doppellaut (ei, au, eu), schreiben Sie „ß“. Die Konjunktion bleibt immer „dass“; zur Abgrenzung von „das“ lesen Sie den Beitrag Häufig verwechselte Wörter.

In der Schweiz und in Liechtenstein wird ohnehin kein „ß“ verwendet; dort gilt immer „ss“ („Strasse“, „gross“). Als Großbuchstabe ist seit 2017 das „ẞ“ im Regelwerk vorgesehen, daneben ist die Schreibung „SS“ in Versalien üblich.

Änderung 2: Dreifachkonsonanten

Vor der Reform ließ man bei Zusammensetzungen, in denen drei gleiche Konsonanten aufeinandertrafen, einen davon weg, wenn ein Vokal folgte. Seit 1996 bleiben alle drei Buchstaben stehen:

Vor 1996Heute
SchiffahrtSchifffahrt
FettopfFetttopf
BrennesselBrennnessel
FlußschiffahrtFlussschifffahrt
StillebenStillleben

Wenn der Dreifachkonsonant unübersichtlich wird, ist ein Bindestrich erlaubt: „Schiff-Fahrt“ ist möglich, im normalen Text schreibt man aber „Schifffahrt“. Nur in Zusammensetzungen treffen drei gleiche Konsonanten aufeinander: „Schifffahrt“ hat drei „f“, das einfache Wort „schiffbar“ nur zwei.

Änderung 3: Getrennt- und Zusammenschreibung

Mit der Reform wurde die Getrenntschreibung zur Grundregel. Verbindungen aus Verb plus Verb sowie aus Substantiv plus Verb schreibt man in der Regel getrennt:

Vor 19961996 bis 2006Heute
radfahrenRad fahrenRad fahren
autofahrenAuto fahrenAuto fahren
spazierengehenspazieren gehenspazieren gehen
kennenlernenkennen lernenkennenlernen (üblich); kennen lernen daneben zulässig

Die Überarbeitung 2006 hat hier vermittelt: Sie sah wieder mehr Zusammenschreibung vor, wenn sich durch die Verbindung eine neue, übertragene Bedeutung ergibt. Ein Beispiel ist „sitzen bleiben“ (auf dem Stuhl) gegenüber „sitzenbleiben“ (in der Schule nicht versetzt werden). Auch „leidtun“ wird seit 2006 im Infinitiv zusammengeschrieben, während man im Satz wie gewohnt „Es tut mir leid“ schreibt.

Da hier viele Einzelfälle gelten, ist das Nachschlagen im Duden oder im Regelwerk sinnvoller als Auswendiglernen. Als Faustregel gilt heute:

  1. Entsteht durch die Verbindung eine neue Bedeutung, schreibt man oft zusammen.
  2. Steht das erste Wort eigenständig und mit eigener Betonung, schreibt man getrennt.
  3. Im Zweifel hilft ein Blick ins Wörterbuch.

Änderung 4: Wortschreibungen und Stammprinzip

Die Reform führte einige Schreibungen auf ihre Wortfamilie zurück (Stammprinzip), damit der Zusammenhang sichtbar wird:

Vor 1996HeuteStammwort
StengelStängelStange
numerierennummerierenNummer
GemseGämseGams
aufwendigaufwendig oder aufwändigaufwenden / Aufwand
überschwenglichüberschwänglichÜberschwang
behendebehändeHand
QuentchenQuäntchenQuantum
KänguruhKänguru
TipTippkurzer Vokal

Manche dieser Änderungen erleichtern das Lernen, weil man das Wort von einem verwandten ableiten kann. Andere, wie „Tipp“ oder „Känguru“, passen Schreibungen an das Muster des Deutschen an.

Bei Fremdwörtern wurden zudem Eindeutschungen als Variante zugelassen, die sich aber nicht durchgesetzt haben (etwa „Portmonee“ neben „Portemonnaie“ oder „Ketschup“ neben „Ketchup“); einige davon strich der Rat 2017 wieder. Wo mehrere Schreibungen im Regelwerk stehen, lohnt der Blick in den Duden, der die empfohlene Form kennzeichnet.

Änderung 5: Silbentrennung

Auch die Trennung am Zeilenende wurde vereinfacht:

  • „st“ darf getrennt werden: „Fens-ter“ (früher „Fen-ster“).
  • „ck“ wird nicht mehr getrennt: „Zu-cker“ (früher „Zuk-ker“).
  • Einzelne Vokale am Wortanfang dürfen abgetrennt werden: „A-bend“, was aber im Satzbild oft vermieden wird.

Heute übernimmt die Textverarbeitung die Trennung automatisch, sodass die Regel im Alltag vor allem beim Nachprüfen älterer Texte wichtig ist.

Änderung 6: Zeichensetzung

Die Reform von 1996 machte das Komma bei Infinitivgruppen und bei einigen Satzteilen freier. Ein Komma vor „und“ und „oder“ bei gleichrangigen Hauptsätzen wurde freigestellt, bei Infinitivgruppen ist es heute meist nicht mehr zwingend, sofern keine Missverständnisse entstehen. Welche Kommas Sie weiterhin setzen sollten, erklärt der Ratgeber zu den Komma-Regeln; einen Überblick über alle Zeichen gibt der Beitrag zu den Satzzeichen-Regeln.

Änderung 7: Groß- und Kleinschreibung

Die Reform von 1996 verschob einige Verbindungen in die Großschreibung („heute Abend“, „im Allgemeinen“). Die Fassung 2006 ließ dabei manche Spielräume wieder zu. Mehr zu den heutigen Regeln, mit Proben und Beispielen, finden Sie in der Anleitung zur Groß- und Kleinschreibung.

2024: Was bringt das aktuelle Regelwerk?

Die Neufassung des Amtlichen Regelwerks gilt seit dem 1. Juli 2024. Sie ist keine neue Reform mit grundlegend anderen Regeln wie 1996, sondern eine Neuausgabe, die das Regelwerk überarbeitet, klarer darstellt und Beschlüsse seit der letzten Fassung einarbeitet. Wer die Rechtschreibung heute lernt oder prüft, sollte sich deshalb auf die Fassung 2024 beziehen.

Zu Genderschreibungen mit Sonderzeichen (Stern, Doppelpunkt, Unterstrich) hat der Rat erklärt, dass sie nicht Teil des Amtlichen Regelwerks sind. Er hat dazu eigene Hinweise und Empfehlungen veröffentlicht. Verbindlich ist das Regelwerk für Schulen und Verwaltung; für andere Texte entscheiden Auftraggeber, Verlag oder Hochschule. Prüfen Sie deshalb bei Haus- und Abschlussarbeiten immer die Vorgaben Ihrer Hochschule.

Vorher-nachher auf einen Blick

BereichAlt (vor 1996)Neu (seit 1996/2006)
s-Lautedaß, muß, Flußdass, muss, Fluss
DreifachkonsonantSchiffahrt, BrennesselSchifffahrt, Brennnessel
Getrenntschreibungradfahren, autofahrenRad fahren, Auto fahren
StammprinzipStengel, numerierenStängel, nummerieren
FremdwörterTip, KänguruhTipp, Känguru
SilbentrennungFen-ster, Zuk-kerFens-ter, Zu-cker
Zeitheute abendheute Abend

Warum wirkt die Reform bis heute nach?

  1. Lesegewohnheiten. Viele Erwachsene haben vor 1996 schreiben gelernt und verwenden alte Schreibungen unbewusst weiter.
  2. Alte Texte. Bücher und Dokumente vor 1996 zeigen die frühere Schreibung. Zitate aus ihnen werden in wissenschaftlichen Arbeiten unverändert übernommen, auch wenn sie nicht mehr dem Regelwerk entsprechen.
  3. Varianten. Das Regelwerk lässt an einigen Stellen mehrere Schreibweisen zu. Prüfprogramme markieren sie je nach Wörterbuch unterschiedlich.
  4. Hausorthografie. Verlage und Zeitungen legen eigene Vorlieben fest, wo das Regelwerk Spielraum lässt.

Mit AdeptWrite prüfen

Die Rechtschreibprüfung findet veraltete Schreibungen wie „daß“, „muß“ oder „Schiffahrt“ direkt im Browser, ohne dass Ihr Text hochgeladen wird. Sie arbeitet mit Regeln und einer kuratierten Liste häufiger Fehlschreibungen, nicht mit einem vollständigen Wörterbuch, und orientiert sich am Rat für deutsche Rechtschreibung und am Duden. Sie ersetzt aber nicht das Nachschlagen in Zweifelsfällen, etwa bei Getrennt- und Zusammenschreibung, wo der Satzzusammenhang entscheidet. Einzelne Wörter schlagen Sie im Duden oder im DWDS nach, für ganze Texte mit Satzbau und Kommas die KI-gestützte Grammatikprüfung, die jede Änderung markiert. Prüfen Sie Vorschläge immer selbst. Eine Sammlung typischer Fehler finden Sie unter Häufige Rechtschreibfehler. Stand der Angaben: 2026-11-01.

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Häufig gestellte Fragen

Wann wurde die Rechtschreibreform eingeführt?

Die Reform wurde 1996 beschlossen und ab dem Schuljahr 1998/99 in den Schulen eingeführt. 2006 überarbeitete der Rat für deutsche Rechtschreibung einige Regeln, besonders bei Getrennt- und Zusammenschreibung. Seit dem 1. Juli 2024 gilt die aktuelle Fassung des Amtlichen Regelwerks.

Schreibt man „daß“ noch mit ß?

Nein. Seit der Reform schreibt man „dass“, weil der Vokal vor dem s-Laut kurz ist. Nach kurzem Vokal steht „ss“, nach langem Vokal oder Doppellaut „ß“ (Straße, heiß). Die alte Form „daß“ wird heute als Fehler gewertet, außer in wörtlichen Zitaten älterer Texte.

Heißt es „Schifffahrt“ mit drei f?

Ja. Seit 1996 bleiben bei Zusammensetzungen alle drei Konsonanten erhalten: Schifffahrt, Brennnessel, Fetttopf. Früher schrieb man „Schiffahrt“. Auf den Bindestrich („Schiff-Fahrt“) kann man bei Unübersichtlichkeit ausweichen, im normalen Text ist die Schreibung mit drei f üblich.

Wo finde ich die aktuellen Regeln?

Maßgeblich ist das Amtliche Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung, Fassung 2024. Für einzelne Wörter ist der Duden die übliche Nachschlagequelle. In Österreich gilt zusätzlich das Österreichische Wörterbuch. Prüfen Sie bei Abschlussarbeiten außerdem die Vorgaben Ihrer Hochschule.

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